Was verbrannt ist und was nicht - Imagineglobal

Was verbrannt ist und was nicht

Für eine lange Sekunde bewegte sich niemand.

Nicht der Vater.
Nicht die Mutter.
Nicht einmal das kleine Mädchen.

Denn dieses blaue Band an ihrem Handgelenk war von seinem jüngsten Sohn geflochten worden — eine Woche vor dem Feuer. Er hatte eines für sich selbst gemacht und eines für seinen Bruder und sie „Abenteuerbänder“ genannt. Der Vater hatte gelacht, als er sie sah. Die Mutter hatte ein Foto gemacht. Und jetzt war eines davon um das Handgelenk eines barfüßigen Waisenkindes auf einem Friedhof gebunden.

Dem Vater zog sich die Kehle zu.

„Woher hast du das?“

Das Mädchen sah auf das Band, als hätte sie vergessen, dass sie es trug.

Dann antwortete sie schlicht:

„Er hat es mir gegeben, als wir uns versteckt haben.“

Die Mutter gab einen Laut von sich, der weder ganz ein Keuchen noch ganz ein Schluchzen war.

Denn plötzlich veränderte sich die ganze Form ihres Verlustes.

Nicht tot.
Nicht begraben.
Versteckt.

Das Mädchen begann auf das Tor zuzugehen, und diesmal folgten die Eltern ihr wortlos. Blätter knirschten unter ihren Füßen. Die Welt jenseits des Friedhofs sah viel zu gewöhnlich aus für das, was geschah.

Als sie die Straße überquerten, sprach das kleine Mädchen in Bruchstücken, so wie Kinder es tun, wenn sie nicht merken, dass jeder Satz jemanden zerstört.

„Da war Rauch.“
Eine Pause.
„Sie haben uns gesagt, wir sollen unter den Betten bleiben.“
Noch eine Pause.
„Aber dann kam eine Frau.“

Vater und Mutter wechselten einen zerbrochenen Blick.

Keine Rettungsgeschichte.
Eine andere Geschichte.

Das Mädchen sprach weiter.

„Sie sagte, wenn die Kleinen noch am Leben wären, würden die Feuerwehrleute zu viele Fragen stellen.“

Da blieb die Mutter für einen Herzschlag stehen.

Denn St. Agnes war nicht einfach nur abgebrannt. Danach hatte es Gerüchte gegeben — verschwundene Akten, eingestellte Ermittlungen, Spender, die Schweigen wollten, Nonnen, die über Nacht versetzt wurden.

Der Vater wandte sich wieder dem Mädchen zu.

„Welche Frau?“

Das Kind zuckte hilflos mit den Schultern, so wie es nur Kinder können.

„Die mit dem roten Auto.“

Dann leiser:

„Sie hat die Hübschen zuerst verkauft.“

Das zerstörte die letzte Hoffnung auf eine harmlose Erklärung.

Die Jungen waren nicht im Feuer gestorben.

Sie hatten es überlebt.

Und jemand im Waisenhaus hatte das Chaos genutzt, um Kinder wegzuschaffen, bevor die Behörden zählen konnten, wer noch lebte.

Die Mutter presste eine zitternde Hand auf den Mund.

Der Vater ging weiter, aber jetzt mit einer anderen Art von Dringlichkeit — nicht trauernd, sondern jagend.

Am Rand des alten Waisenhausgeländes blieb das Mädchen schließlich neben einem Nebengebäude stehen, dessen untere Fenster vernagelt waren und dessen Seitentür schief hing.

Sie zeigte darauf.

„Sie schlafen oben, wenn die Männer kommen.“

Die Mutter wäre beinahe zusammengebrochen.

Denn irgendwo aus dem Gebäude kam ein Geräusch, das sie inniger kannte als jedes Gebet:

ein Lachen.

Das Lachen eines Jungen.

Dann noch eines, zu schnell zum Schweigen gebracht.

Der Vater wartete nicht.

Er ging auf die Tür zu, und alle Taubheit war aus ihm herausgebrannt.

Das kleine Mädchen hielt den Ärmel der Mutter fest, bevor diese folgte, und sagte den Satz, der sie erneut zerschmetterte:

„Sie rufen nachts immer noch nach dir.“

Das war der grausamste Teil.

Nicht, dass die Jungen am Leben waren.

Sondern, dass sie lange genug am Leben geblieben waren, um sie weiterhin zu vermissen.

Und plötzlich bekam das Grab hinter ihnen eine unerträgliche Bedeutung:

Sie hatten Kinder betrauert, die noch darauf warteten, gefunden zu werden.

Visited 16 times, 1 visit(s) today
Rate article